| „Wenig benützter Spargeltopf,
im Licht eines Oberkörperbräuners betrachtet“
Seit wir wissen, dass Bedürfnisse nicht einfach da sind, sondern
erzeugt werden müssen, müht sich ein Heer von Werbetextern,
-fotografen, und -managern ab, die ihnen überantworteten Waren zu
Objekten der Begierde zu stilisieren. Ob Unterwäsche, Motoröl
oder ein Bankkonto: alles hat seinen Sex-Appeal. Auch das Produktdesign
tut das Seine, um den Kaufreiz zu wecken. Über die weiblichen Formen
der Colaflasche ist schon viel philosophiert worden, und der Erfolg des
VW-Beatle verdankt sich sicherlich in höherem Maße seiner Handschmeichlerform
als seinem Fahrkomfort. Nun ist Erotisierung natürlich nicht das
einzige Mittel, das Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Die
etwas ältere, dem Marktschreierwesen entstammende Methode wartete
mit einem anderen Glücksversprechen auf: die Widernisse des Lebens
spielend aus dem Weg zu räumen. Das Produkt wird zum Problemlöser
und Alleskönner, und bedient sich dabei des Mythos der industriellen
Revolution: das die Maschine den Menschen von der Fron der manuellen Arbeit
befreit. All die praktischen Geräte haben uns nicht nur Komfort,
sondern Freiheit beschert. Ohne Geschirrspüler keine Frauenemanzipation,
ohne Fernseher keine Gleichheit und Brüderlichkeit. Konsum und Warenfetischismus
haben längst die anderen Weltreligionen von ihren Plätzen verdrängt;
sie versprechen das Paradies nicht erst nach dem Tod, sondern gleich beim
nächsten Shopping. Allerdings: das Gebrauchsgut behält seinen
überirdisch verführerischen Glanz nur, solange es nicht gebraucht
wird. Die bekochte Einbauküche, das beschlafene Doppelbett und das
gefahrene Auto gleichen gefallenen Engeln, die vom strahlenden Warenhimmel
in die dumpfen Niederungen des profanen Daseins gestürzt sind und
all ihren Glanz eingebüßt haben. Mit ihrer Jungfräulichkeit
haben sie auch ihre Göttlichkeit verloren. Jetzt gleichen sie ihren
Besitzern: gewöhnlich, fehlerhaft, mit allerlei Schrammen und Macken.
Ein wenig nimmt man es ihnen übel, dass sie ihre hochtrabenden Versprechen
nach unbegrenzter Freude und Freiheit nicht eingelöst haben. Ihr
Scheitern macht sie aber auch menschlich und dadurch ein bisschen sympathisch.
Ihre Gebrauchsspuren und ihr aus der Mode gekommenes Design zeigen, dass
sie so etwas wie ein Leben hinter sich, dass sie Zeit auf dem Buckel haben
und von der ewigen Jugend genauso weit entfernt sind wie ihre einst so
hoffnungsfrohen Besitzer. Allerdings: gegen die Konkurrenz der ungebrauchten
Waren, die tagtäglich in der Werbung um Aufmerksamkeit buhlen, haben
sie nur wenig auszurichten. Der Logik der Überproduktion und des
Warenüberschusses folgend, werden die Ablaufdaten ständig kürzer.
Und so bleibt den gebrauchten Gebrauchsgütern nur mehr, ihren größten
Mangel- den Wertverlust- als letzten Trumpf auszuspielen: nämlich
billig zu sein. Und das ist für den Gebrauchtwarenhandel das wichtigste
Argument. Der Secondhandshop verhält sich zum offiziellen Markt wie
das Laientheater zum Staatsschauspiel. Die Wirtshausbühne pendelt
zwischen unbeholfener Nachahmung althergebrachter Schauspielkunst und
dem Charme des Naturwüchsigen. Ähnlich werden beim sogenannten
„Privatverkauf“ oft in rührend-komischer Plumpheit, aber
naivem Ernst, Werbesprache und -bilder der Profis imitiert; und die unperfekte
Anpreisung fügt sich nahtlos in das unperfekte des Angepriesenen.
Die Künstlerin Mady Braun hat sich für ihre Arbeit eine spezielle
Nische im Nischenmakt der Gebrauchtwaren ausgesucht: Die Kleinanzeige.
Billig und bescheiden wie das, was sie bewirbt, stammt sie fast ausschließlich
von privaten Anbietern. Zum Mangel an Perfektion tritt der Mangel an rationaler
Ordnung: Neben dem Couchtisch wird die Wurstschneidemaschine, neben dem
Blumentopf das Massagegerät inseriert. In dieser Kombination erhält
das Praktische und Sinnvolle den Touch surrealer Poesie, sowie Lautréamont‘s
sprichwörtliche Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms
auf dem Seziertisch. Die absurde Logik tritt in skurrilen Kontrast zur
biederen Ernsthaftigkeit, mit der die Inserenten ihre Annoncentexte verfassen.
Im Gegensatz zu den Firmen der Neuwaren bleibt der Privatanbieter, der
sich hinter einer Telefonnummer versteckt, anonym, und genauso knapp und
dürftig werden wir über die Ware selbst informiert: „Ledersofa
grau“, „Tischtennistisch neuwertig“, „Campingtoilette
unbenutzt“ - recht viel mehr erfährt man nicht. Keine hundert
Eigenschaften, keine tausend Extras. Und wo in der professionellen Reklame
eine aufwendige Werbefotografie das Produkt wie aus dem Ei gepellt ins
rechte Licht rückt, ist die Kleinanzeige immer bildlos.
An dieser Stelle setzt Mady Braun an. Zunächst malt sie den Text
verschiedener Annoncen, die sie in deutschen und österreichischen
Gratiszeitungen findet, im entsprechenden Druckbild, aber stark vergrößert
an den unteren Rand mittelgroßer Leinwände. Dann stellt sie
sich vor, wie die beworbenen Objekte aussehen könnten. Der handgestrickten
Werbemethode entsprechend, sind Brauns Illustrationen, die sie über
die vorgefundenen Texte malt, keine kulinarisch ausgeleuchteten Fotos
oder perfekt durchgestylten Computergrafiken, sondern handgemalte Acrylbilder
in einem bemüht sorgfältigen, aber ziemlich linkischen Stil,
dessen treuherzige Naivität jene der Texte verstärkt. So malen
Kinder, die von ihren Lehrern darauf getrimmt wurden, „richtig“
und vor allem „sauber“ zu malen. Der Untergrund ist jeweils
in einem monochromen satten Farbton gehalten, so wie man es von der Reklame
aus Großmutters Zeiten kennt. Vor diesem Fond sind die Objekte frei
gestellt, was ihnen im Rampenlicht des gegenstandslosen Farbraumes einerseits
Idealität verleihen soll, andererseits aber auch ihre verzeichnete
Perspektive noch prekärer aussehen lässt. Das tragik-komische
Scheitern des Glücksversprechens der Waren wird durch dieses einfache
Mittel so schlagend ins Bild gesetzt, dass man mit den rührenden
Gerätschaften fast Mitleid empfindet. Braun findet für die in
den Anzeigentexten angerissenen Attribute des Netten, Praktischen und
Wohnlichen bildliche Äquivalente, entwickelt eine eigene Bildrhetorik
kleinbürgerlicher Werbesprache, die sich anstelle der superlativischen
Seligkeitsfloskeln der Werbeprofis meist auf das Sachliche und Praktische
beschränkt und - aus Sparsamkeitsgründen- oft mit absurden,
unverständlichen oder mehrdeutigen Abkürzungen operiert. Ebenso
knapp ist Brauns Bildsprache. So wird z. B. aus dem „Doppelbett
m. 2 E.matratzen“ eine zweigeteilte Liege mit Elektrokabel, das
wie eine Schlange aus dem spartanischen Bettgestell züngelt. Nur
hin und wieder erlaubt sich die Künstlerin kleinere Zutaten, in denen
aber ein ganzes Lebensgefühl aufblitzt. Etwa bei dem Häkeldeckchen,
das sie auf den im sachlichen Stil der 50er Jahre gehaltenen „Schuhschrank
mit 2 Flügeltüren Eiche, für ca. 25 Paar Schuhe“
legt. Wieviel unangenehme Gefühle von Muff und Biedersinn, aber auch
wieviel verklärte Kindheitserinnerungen kann dieses Accessoire auf
einem solchen Möbel hervorrufen?
Kunsthistorisch betrachtet gehören Mady Brauns Annoncen zu Gattung
des Stillebens. Als bürgerlichste aller Kunstgattungen hob es die
unscheinbaren Dinge des Alltags ins Licht der hohen Kunst und stattete
diese mit Würde und symbolischer Bedeutung aus. Einerseits persiflieren
Brauns „Annoncen“ das stille Leben der Dinge als bloßes
Waren- und Flohmarktdasein, halten der (in weiten bürgerlichen Kreisen
immernoch beliebten) hochkünstlerischen Verklärungsstrategie
ein kräftiges „low“ unter die Nase. Man könnte von
einer Art selbstgebastelter Pop Art sprechen, in der die Perfektion und
der Oberflächenglanz des Pop unterlaufen wird. Aber Brauns Bilder
erschöpfen sich nicht im aufklärerischen Entmystifizierungsgestus.
Durch die plakative, scheinbar ungewollte Demonstration ihres Scheiterns,
erhalten die billig zum Kauf angebotenen Möbel und Geräte- trotz
ihrer beibehaltenen Anonymität und Austauschbarkeit- fast so etwas
wie Persönlichkeit. Denn es fällt schon schwer, den „wenig
benützten Spargeltopf“, der sich am „Philips Oberkörperbräuner“
sonnt und von dessen Brille argwöhnisch beäugt wird, nicht zu
lieben. Aber nun aus anderen Gründen, als dies von den Glücksverkäufern
aus der Design- und Werbeecke geplant war.
Dr. Anselm Wagner
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